Ratgeber · Ich war schon immer so
Kann man seine Persönlichkeit ändern?
Ein ganz normaler Abend, jemand am Tisch erzählt von einer Frau, die mit fünfzig noch einmal etwas völlig Neues angefangen hat, mit anderer Stadt und anderem Beruf. Jemand sagt: „Toll. Aber das könnte ich nicht.“ Und du nickst, ohne darüber nachzudenken, weil da dieser Satz in dir ist, der solche Momente erledigt, bevor sie unbequem werden. Ich bin halt nicht so ein Typ. Ich bin eben schüchtern, ungeduldig, ein Kopfmensch. So bin ich eben.
Hinter dem Satz steckt eine der ältesten Fragen überhaupt, nämlich ob Menschen sich im Kern ändern können oder nur an der Oberfläche. Auf diese Frage gibt es inzwischen ziemlich gute Antworten aus jahrzehntelanger Forschung an vielen tausend Menschen. Sie lauten weder „Du kannst alles werden“ noch „Der Mensch ändert sich nie“, denn beide Sätze sind bequem und beide sind falsch. Die Wahrheit liegt dazwischen. Du bist veränderbar, nicht beliebig und nicht per Beschluss, aber echt.
Was Persönlichkeit eigentlich ist
Vor knapp hundert Jahren hatten Forscher eine einfache Idee. Alles, was Menschen aneinander auffällt, hat irgendwann ein Wort bekommen, also nahmen sie sich das Wörterbuch vor und sammelten jeden Begriff, mit dem man einen Menschen beschreiben kann. Sie landeten bei rund achtzehntausend Wörtern. Über Jahrzehnte und mit Abertausenden Befragten schrumpfte dieser Haufen auf fünf große Familien zusammen, die bis heute das Standardwerkzeug der Persönlichkeitsforschung sind.
Am besten stellst du sie dir als fünf Regler an einem Mischpult vor und nicht als Schubladen. Der Alarm-Regler bestimmt, wie schnell dein inneres Warnsystem anspringt. Der Antrieb nach draußen sagt, wie sehr dich Menschen und Trubel anziehen. Die Neugier zeigt, wie offen du für Neues bist, die Wärme, wie viel dir an Harmonie und Rücksicht liegt, und die Ordnung, wie sehr du planst und fertig machst. Jeder Regler steht bei dir irgendwo zwischen niedrig und hoch, und fast alle Menschen bewegen sich auf fast allen Reglern im Mittelfeld. Reine Typen sind selten. Das ist wichtig, weil „so bin ich eben“ genau das Gegenteil behauptet, nämlich dass deine Regler ab Werk festgeschweißt und verplombt sind.
Wie viel von deinem Charakter ist angeboren?
Die Antwort liefert ein Experiment, das die Natur ständig macht. Eineiige Zwillinge haben denselben genetischen Bauplan, zweieiige teilen nur etwa die Hälfte davon. Vergleicht man viele tausend solcher Paare über Jahrzehnte und in vielen Ländern, ergibt sich eine der solidesten Zahlen der Persönlichkeitsforschung. Etwa die Hälfte der Unterschiede zwischen Menschen geht auf die Gene zurück, die andere Hälfte auf das, was sie erleben, wen sie treffen und wo sie landen.
Diese Zahl beschreibt Unterschiede zwischen Menschen und keine Anteile in dir. Anlage und Erfahrung sind in dir verbacken wie Mehl und Hitze in einem Kuchen. Außerdem schreiben die Gene keine fertigen Eigenschaften vor, sie geben Neigungen mit. In ihnen steht nicht „wird ein Grübler“, sondern eher, dass jemand empfindlicher auf Unruhe reagiert. Was daraus wird, ein zermürbter Dauersorger oder ein feinfühliger Mensch, der seine Empfindlichkeit zu nutzen weiß, entscheidet sich im Leben. Den schönsten Beleg liefern die eineiigen Zwillinge selbst, denn trotz identischem Bauplan werden aus ihnen zwei unterscheidbare Menschen mit eigenen Ängsten und eigenen Wegen.
Deine Veranlagung ist also eine Werkseinstellung. Sie ist real, sie macht manche Wege leichter und andere schwerer, und wer mit hohem Alarm startet, bezahlt Gelassenheit teurer als jemand, der tief gestartet ist. Sie sagt dir aber nur, wo du losläufst, und nicht, wohin.
Du veränderst dich längst, auch ohne es zu wollen
Lange glaubte man, mit dreißig sei die Persönlichkeit fertig und härte danach aus wie Gips. Die frühen Studien waren allerdings Momentaufnahmen. Erst Langzeitstudien, die dieselben Menschen über Jahrzehnte immer wieder befragt haben, zeigten, dass die Regler bei fast allen wandern, das ganze Leben lang. Junge Erwachsene werden im Schnitt zuverlässiger, verträglicher und innerlich ruhiger, wenn Beruf und feste Beziehungen dazukommen. Im Ruhestand sinkt bei vielen die Ordnung wieder, weil das tägliche Gerüst wegfällt.
Die meisten dieser Veränderungen hat niemand beschlossen. Sie sind passiert, weil eine neue Rolle Tag für Tag ein bestimmtes Verhalten verlangt hat. Niemand wird geduldig, weil er es sich vornimmt. Eltern werden es, weil nachts um drei ein Kind schreit und sie es durch die Wohnung tragen, monatelang. Daraus folgt der wichtigste Satz zum Thema. Einsicht verändert Menschen kaum, wiederholte Situationen verändern sie. Die Frage ist deshalb gar nicht mehr, ob du dich verändern kannst, denn das tust du ohnehin. Offen ist nur, ob allein das Leben an deinen Reglern dreht oder auch du.
Warum gute Vorsätze an der Persönlichkeit abprallen
Nimm ein Gummiband und zieh es auseinander. Es dehnt sich sofort und springt beim Loslassen genau in die alte Form zurück. Spannst du es aber über Wochen um etwas, das zu groß ist, bleibt es danach länger und weiter. So verhält sich auch deine Persönlichkeit. Einen Abend lang aufgeschlossen oder einen Monat lang diszipliniert zu sein, ist kurzes Ziehen, und sobald Stress oder Müdigkeit kommen, schnappt das Band zurück. Verändert wird es erst durch milde Spannung, die lange gehalten wird.
Genau daran scheitert der klassische Vorsatz. „Ich will gelassener werden“ ist ein Beschluss, gefasst in einem ruhigen Moment am Küchentisch. Gebraucht wird er aber am Dienstagmorgen um 8:40 Uhr, wenn die Mail mit dem spitzen Unterton kommt, und dort ist nur das alte Programm da, das diesen Moment seit Jahren bedient. Der große Neustart am Montag oder an Silvester ist ein Ruck, und Rucke verändern ein Gummiband nicht. Wer zwanzig Januare hinter sich hat, hat zwanzigmal denselben Versuchsaufbau wiederholt und hält das Ergebnis fälschlich für eine Aussage über sich selbst.
So arbeitest du gezielt an einem Wesenszug
Dass es anders geht, haben Forscher in Zürich gezeigt. Mehrere hundert Menschen, die meisten wollten gelassener werden, bekamen über einige Wochen per App täglich kleine Aufgaben und Erinnerungen, mit Übungen im echten Alltag, kurzen Ruhemomenten, Bewegung und Anstößen, sich in konkreten Situationen anders zu verhalten. Ihr Alarm-Regler sank messbar. Der Wunsch allein bewegte dabei nichts. Gewirkt hat Verhalten in vielen verschiedenen echten Situationen, als Mischung aus mehreren Zutaten, und die stärkste Einzelzutat war die Pflege der eigenen Beziehungen.
Für dich heißt das, einen einzigen Regler auszuwählen und einen Schritt zu finden, der so klein ist, dass du ihn auch an einem grauen, müden Dienstag gehst. Bei hohem Alarm kann das sein, eine Sorge als Satz aufzuschreiben, statt sie kreisen zu lassen. Wer sich zurückzieht, schreibt einem Menschen eine einzige Nachricht. Wer allen alles recht macht, übt den Satz „Ich schaue kurz drauf und sage dir morgen Bescheid“. Wenn dir der Schritt so klein vorkommt, dass du lachen musst, hat er die richtige Größe.
Dann hängst du ihn an eine Gewohnheit, die es schon gibt, und schreibst das als einen einzigen Satz auf, nach dem Muster „Nach dem ersten Kaffee schreibe ich die eine Nachricht“. Steigere ihn nicht, auch wenn die erste Woche gut läuft, denn Ehrgeiz ist der Ruck durch die Hintertür. Lass den Schritt klein, bis er langweilig ist, weil langweilig bedeutet, dass er zur Gewohnheit geworden ist. Rechne außerdem damit, dass sich der neue Weg anfangs unecht anfühlt. Dieses Gefühl ist kein Zeichen, dass du dich verbiegst, sondern das Zeichen, dass dein Kopf gerade einen neuen Pfad anlegt.
Eine Frage hilft dir dabei mehr als jede Ursachenforschung. Statt „Warum bin ich so geworden?“ fragst du „Was hält es diese Woche aufrecht?“. Die erste Frage schickt dich dreißig Jahre zurück zu Dingen, an die du nicht mehr herankommst. Die zweite findet lauter Situationen in deinem Dienstag, an denen du etwas tun kannst.


