Christian Becker

Ratgeber · Glaub ihm kein Wort

Wie werde ich negative Gedanken über mich selbst los?

Es ist Viertel nach elf, das Licht ist aus, und du gehst noch einmal durch, was heute in der Besprechung war. Du wolltest etwas sagen und hattest sogar schon Luft geholt, dann hat jemand anders geredet, und der Moment war weg. Im Dunkeln kommt jetzt eine Erklärung dafür, ungerufen und vernünftig klingend. „Ich bin da einfach nicht schnell genug.“ Du widersprichst nicht, denn der Satz redet in deiner eigenen Stimme und begleitet dich schon so lange, dass er sich wie ein Befund anfühlt.

Wenn du nach einem Weg suchst, solche Gedanken loszuwerden, sage ich dir gleich zu Anfang etwas Ehrliches. Ganz verschwinden werden sie nicht, weil dein Kopf so gebaut ist, dass er warnt. Was du lernen kannst, ist, diese Sätze zu bemerken, bevor du ihnen glaubst, und sie zu prüfen wie eine Rechnung, bei der du nicht sicher bist, ob sie stimmt. Genau das zeige ich dir hier, Schritt für Schritt und mit Stift und Papier.

Warum redet dein Kopf so schlecht über dich?

Dein Kopf wurde gebaut, um dich am Leben zu halten, und das ist etwas anderes, als recht zu haben. Er schätzt blitzschnell, welcher Fehler teurer wäre, und weil ein übersehener Fehler früher tödlich sein konnte und ein Fehlalarm nur peinlich war, warnt er bis heute lieber hundertmal zu viel als einmal zu wenig. Zwischen Lebensgefahr und Blamage unterscheidet er dabei kaum. Deshalb warnt er heute vor einer knappen Mail so gründlich wie früher vor einer echten Gefahr.

Du kannst das an einem gewöhnlichen Arbeitstag beobachten. Du schickst eine Mail an sieben Leute, sechs antworten freundlich und einer gar nicht. Am Abend beschäftigt dich der eine, weil sechs bestätigte Erwartungen nichts Neues enthalten und eine Unklarheit für ein Warnsystem der spannendste Zustand überhaupt ist. Deine Gedanken über dich sind also nicht zufällig negativ, sie sind es mit System.

Das ist die Entlastung, die vor allem anderen stehen muss. Wenn dein Kopf dir seit Jahren erzählt, dass du nicht reichst, beweist das nur, dass dein Warnsystem arbeitet, und zwar an einer Stelle, an der niemand mehr etwas davon hat. Ein Rauchmelder, der bei jedem Toast losgeht, sagt dir nichts über einen Brand in deiner Wohnung. Er sagt dir, dass er empfindlich eingestellt ist, und beim nächsten Mal schaust du nach, bevor du die Feuerwehr rufst.

Gedanken sind Behauptungen und keine Tatsachen

Stell dir einen Waldweg vor, den du seit Jahren gehst, und an einer Stelle steht ein verwittertes Schild mit der Aufschrift „Durchgang verboten“. Du gehst jedes Mal außen herum und hast nie nachgesehen, ob dahinter noch etwas ist, wovor gewarnt wird. Genau so arbeiten Sätze wie „Das kann ich nicht“ oder „Dafür bin ich zu alt“. Irgendwann hat sie jemand aufgestellt, vielleicht sogar zu Recht, aber ein Schild verschwindet nicht von selbst, wenn sein Grund verschwindet.

Am Anfang steht fast immer ein einzelnes Erlebnis, aus dem dein Kopf eine Regel macht. Aus dem einen Gedicht, bei dem du in der Schule den Text vergessen hast, wird „Ich kann nicht vor Leuten reden“. Ab dann sammelt er nur noch, was zur Regel passt, und räumt den Vortrag, der gut lief, als Ausnahme weg. Ein Richter, der nur Zeugen der Anklage zulässt, gewinnt jeden Prozess, und das sagt wenig über den Angeklagten und viel über das Verfahren.

Schreib den Gedanken zuerst wörtlich auf

Der wichtigste Handgriff ist so unspektakulär, dass viele ihn überspringen. Du schreibst den Satz auf, und zwar wörtlich, so wie er in deinem Kopf klingt. Wenn er „Du kriegst das eh nicht hin“ sagt, schreibst du genau das hin und nicht die höfliche Fassung, denn die beschreibt einen Satz, den du gar nicht denkst.

Solange ein Gedanke im Kopf ist, steckst du darin wie in einer Umgebung, und man kann sich nichts ansehen, worin man steckt. Auf dem Papier ist er plötzlich begrenzt, meistens kleiner, als du erwartet hättest, und du sitzt daneben und liest ihn.

Nimm dafür ein Heft statt loser Zettel, und schreib mit der Hand, weil Handschrift langsamer ist als das Denken. Schreib auch nicht alles auf. Fang mit dem Satz an, der am häufigsten wiederkommt, und heb dir den schmerzhaftesten für später auf. Zwei oder drei Sätze reichen für den Anfang, und auch einer ist in Ordnung.

Drei Fragen, mit denen du einen negativen Gedanken prüfst

Jetzt stellst du dem Satz drei Fragen, immer dieselben und immer in derselben Reihenfolge. Die erste lautet „Woher weiß ich das?“. Sie bringt mehr als die Frage, ob etwas stimmt, weil sie dich zu Belegen führt statt in eine Diskussion, die dein schneller Kopf ohnehin gewinnt. Schreib unter den Satz, auf welche tatsächlichen Ereignisse er sich stützt, jeweils mit ungefährem Datum.

Die zweite Frage heißt „Was spricht dagegen?“, und an ihr bleiben die meisten hängen, weil dein Gedächtnis nach deinem Satz sortiert ist. Deshalb brauchst du Umwege. Geh weiter zurück, als dir angemessen erscheint, notfalls bis in die Schulzeit. Such nach den vielen Malen, an denen es einfach nicht schlimm war, statt nach Erfolgen. Frag jemanden, der dich lange kennt, nach Fakten statt nach Trost. Während du sammelst, wird nicht bewertet, und jeder Einwand wie „Das zählt nicht, das war leicht“ kommt daneben aufs Papier, statt den Fund zu löschen.

Die dritte Frage lautet „Was würde ich einem Freund sagen?“. Stell dir vor, ein Mensch, den du wirklich magst, sagt genau diesen Satz über sich. Fast jeder hat darauf sofort eine Antwort, und sie ist milder und genauer als das, was er sich selbst sagt, weil er beim Freund nur die Fakten sieht und keinen Zugang zu dessen Warnsystem hat. Schreib die Antwort wörtlich auf und frag dich, warum dieser Maßstab für dich nicht gelten soll.

Ganz unten auf der Seite steht am Ende eine nüchterne Fassung dessen, was tatsächlich zutrifft. Sie ist meistens langweiliger als der Ausgangssatz, und langweilig ist meistens wahr.

Warum es nicht hilft, dir das Gegenteil einzureden

Der verbreitetste Rat lautet, den negativen Satz durch einen schönen zu ersetzen und dir zehnmal am Tag zu sagen, dass du großartig bist. Bei einem Satz, den du nicht glaubst, liefert dein Kopf aber sofort Gegenargumente. Du hast den alten Satz damit nicht ersetzt, du hast ein Streitgespräch eröffnet, und zwar aus der schwächeren Position. Dazu kommt, dass „Ich bin ein Versager“ und „Ich bin großartig“ beide Etiketten sind, die sich nicht belegen lassen.

Was hält, ist die überprüfbare Fassung. Aus „Ich kann das nicht“ wird zum Beispiel „Ich habe das dreimal gemacht, zweimal ging es gut, einmal nicht“. Diesen Satz musst du nicht glauben, weil man ihn nachrechnen kann, und wenn beim vierten Mal etwas schiefgeht, bricht nichts zusammen. Wenn du einen ermutigenden Satz brauchst, stell ihn als Frage, etwa „Wie könnte ich das schaffen?“, denn auf eine Frage hin sucht dein Kopf nach Antworten, statt zu widersprechen.

Für den Alltag gibt es einen kleinen Zwischenschritt, den du ab heute üben kannst. Stell dem alten Satz, wenn er kommt, eine Ansage voran, etwa „Da ist wieder der Satz, dass ich das nicht kann“. Damit stehst du zum ersten Mal neben dem Gedanken statt mittendrin.

Der Test in der Wirklichkeit

Manche Sätze lassen sich auf dem Papier nicht ganz wegprüfen, weil sie aus Erfahrung entstanden sind, und dagegen hilft am Ende nur eine andere Erfahrung. Bau dir deshalb einen Test, der so klein ist, dass du ihn diese Woche machst, und so konkret, dass man hinterher sagen kann, ob er stattgefunden hat. „Offener auf Leute zugehen“ ist ein Vorsatz. „Am Donnerstag in der Kantine den Kollegen fragen, wie sein Urlaub war“ ist ein Test.

Schreib vorher auf, was du erwartest, sonst erzählt dir dein Kopf hinterher, die Lage sei eben besonders günstig gewesen. Und miss nur dein eigenes Verhalten. Der Test ist bestanden, sobald du die Frage gestellt hast, ganz gleich, wie die anderen reagieren.

Wenn dein Kopf dir allerdings seit Monaten erzählt, dass nichts mehr Sinn hat, oder wenn die Gedanken gar nicht mehr aufhören, ist das kein Denkfehler, den man mit dem Stift nachrechnet. Dann sprich mit deiner Hausärztin oder einer Therapeutin. Die Telefonseelsorge erreichst du rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

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